Die gewaltaffine Spielgruppe – Eine interessante Trainingsalternative

Die gewaltaffine Spielgruppe ist eine Trainingform, die ich von Rory Miller übernommen habe. Im Englischen bezeichnet er diese Art des Trainings als "violence-prone playgroup" (VPPG).

Das Konzept beruht auf zwei Feststellungen:

Häufig gibt es in Trainingsgruppen neben dem Trainer auch noch weitere erfahrene Personen. Eventuell gibt es Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die beruflich mit Gewalt zu tun haben oder Leute, die Kenntnisse aus anderen Kampfsportarten mitbringen.

Des Weiteren haben die Personen in einer Gruppe eventuell verschiedene Bedürfnisse. Dem Einen bereitet A besondere Schwierigkeiten, der Andere kommt mit B nicht weiter. Die Nächste macht sich gerade Gedanken über ein Problem, dass sie vor kurzem im Sparring hatte. Und so weiter...

VPPG

Spielende Katzen: Lernen Raubtiere das Jagen nach einem strikten Lehrplan?

Wenn Du immer nur nach einem fixen Lehrplan vermittelst, verpasst Du womöglich eine Gelegenheit, Deine Trainingsteilnehmer schneller und zielgerichteter voranzubringen. Ein fixes Programm kann einfach nicht sonderlich gut auf jede Person individuell eingehen. Und eine sehr starre Lehrer-Schüler-Hierarchie verhindert womöglich, dass "Schüler" sich einbringen, obwohl sie etwas beitragen könnten.

Die Alternative: freie Trainingseinheiten

Die gewaltaffine Spielgruppe folgt einem simplen Schema:

Jeder Teilnehmer wirft nacheinander die Frage in die Runde, die ihn gerade am meisten beschäftigt.

Anschließend sammelt die ganze Gruppe gemeinsam mögliche Lösungen und Ideen. Theoretische Fragen werden besprochen, praktische Inhalte oder mögliche Übungen spielerisch ausprobiert. Dann ist die nächste Person mit ihrer Frage an der Reihe. Jede Person sollte mindestens eine Frage stellen dürfen. Wenn danach noch Zeit und Lust vorhanden ist, kann es natürlich von vorne losgehen.

Ich finde diese Art des Trainings gelegentlich eine sehr interessante Abwechslung zu einer klaren Trainer-Schüler-Hierarchie mit einem festgelegten Programm.

Ein Beispiel aus der Praxis

Viele Teilnehmer des "How to Run Scenarios"-Seminars von Rory Miller waren schon am Vorabend angereist. Aus diesem Grund hatte der Organisator Armin an dem Abend eine solche lockere VPPG mit Rory zusätzlich zu dem regulären Seminar angeboten. Es wurde mehrere Stunden spielerisch trainiert und diskutiert.

Die Bandbreite der angesprochenen Themen war enorm groß. Hier sind einige Beispiele von diesem Abend:

  • Wie kann man schüchternen Leuten das Lautwerden beibringen?
  • Der Umgang mit eigenen Emotionen (insbesonere mit Wut) im Kontaktmanagement
  • Eine kleine Einführung in unterschiedliche Würgetechniken
  • ​Wann sind Hebeltechniken sinnvoll und lassen sie sich überhaupt trainieren?
  • Wie lässt sich Selbstverteidigungstraining an unterschiedliche Bedürfnisse innerhalb einer Gruppe anpassen?
  • Wie kann man Reaktionen auf überraschende Angriffen trainieren?
  • Was kann man Menschen an die Hand geben, die als Erzieher mit gewalttätigen Kindern arbeiten?

Natürlich wurden nicht all diese Punkte in epischer Breite besprochen. Aus manchen Themen könnte man auch allein schon ein ganzes Abendseminar stricken. Aber es wurde jeder Punkt besprochen, bis der Fragesteller zufrieden war. Oft waren das nur ein paar Minuten, manche Themen haben uns aber auch 30, 40 Minuten lang beschäftigt.

Es wäre ziemlich kniffelig gewesen, mit einem einzigen, vorgegebenen Thema so vielen Personen individuell weiterzuhelfen.

(Lediglich der Start war sprachbedingt etwas holperig. Anfangs war eine gewisse Hemmung im Raum, auf Englisch Fragen zu stellen oder die eigene Meinung darzustellen. Diese Hürde wurde allerdings schnell überwunden, auch dank Rorys klarer Linie: "Ein Haufen Kampfsportler und niemand hat irgendwelche Fragen, die ihn aktuell beschäftigen? Cool, dann können wir ja aufhören zu trainieren und stattdessen Essen gehen...")

Wer hätte es gedacht - es gab dann doch reichlich Fragen.

Wichtige Spielregeln

Es gibt ein paar Punkte, die sehr zum Gelingen eines solchen Trainings beitragen:

  • Der Trainer beziehungsweise die Trainerin sollte sein Ego nicht darauf stützen, andere Leute "herumkommandieren" zu können.
  • Zumindest ein Teil der Teilnehmer sollte über nützliche Vorerfahrungen verfügen: Erfahrung aus Berufen wie Türsteher, Rettungsdienst, Polizei oder Sozialarbeiter; Vorkenntnisse aus anderen Kampfsportarten; vielleicht auch schlicht eine Kindheit oder Jugend mit viel Gewalterfahrung. Für "nützlich" gibt es keine Skala, es kommt immer auf die Frage an. Eine Gruppe vollständiger Kampfsport-Anfänger ohne sonstige Vorerfahrungen könnte von dieser Trainingsform jedoch gnadenlos überfordert werden.
  • Die Teilnehmer sollten nicht nur Ideen haben, sondern sie auch kritisch hinterfragen können: Ein derart freies Training birgt leider die Gefahr, dass die Personen anstelle kluger neuer Ansätze nutzlose Phantasie-Gespinste entwickeln.
  • Wer von einem Thema keine Ahnung hat, sollte dies entweder einräumen oder den Mund halten können und sich nicht des "Mitredens" wegen etwas aus den Fingern saugen. Spekulieren ist okay, sollte aber auch beim Namen benannt werden.
  • Es ist sehr sinnvoll, wenn eine Person (im Regelfall wohl der reguläre Trainer) in der Gruppe die Moderation übernimmt. Andernfalls besteht die Gefahr, dass Einzelpersonen die Veranstaltung zum Entgleisen bringen - etwa, indem sie mit keiner Antwort zufrieden sind oder persönliche Schicksale aufarbeiten wollen.

Anders ausgedrückt: Ein solches Training braucht relativ erwachsene, souveräne Trainingsteilnehmer.

Fazit

Natürlich ersetzt diese Trainingsform kein gut strukturiertes Training. Die thematisierten Inhalte sind bunt gemischt und folgen keinem roten Faden. Genau das ist jedoch auch der Reiz und der Vorteil: Jeder kann seine gerade drängendste Frage loswerden. Außerdem können die verschiedenen Perspektiven dabei helfen, eingefahrene Konzepte zu hinterfragen und am Ende etwas Neues dazu zu lernen.

Des Weiteren kann ein solches Training zum Nachdenken anregen: Manche Menschen kommen einfach routinemäßig zu ihrem Training, machen die vorgegebenen Übungen und verschwinden wieder. Das ist völlig in Ordnung, aber eigenes Nachdenken kann das Verständnis​ für das Material enorm vertiefen. Die Frage "Was beschäftigt Dich heute?" kann ein guter Grundstein dazu sein.

Alles in allem kann die gewaltaffine Spielgruppe gerade für erfahrene Leute eine interessante Abwechslung bieten. Eine solche Runde lebt jedoch von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Wenn die Trainingsform partout nicht zu den Leuten passt, dann lässt Du besser die Finger davon.

Hast Du Fragen oder Anregungen rund um diese Trainingsform? Oder hast Du schon eigene Erfahrungen mit solchem (oder ähnlichem) freiem Training gemacht? Dann melde Dich doch mit einem Kommentar oder schreibe mir hier - ich freue mich, von Dir zu hören.

Bis dahin viel Spaß beim Ausprobieren!

Thomas

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Thomas Milbradt
 

Ich bin Thomas Milbradt, der Autor dieser Seite. Mein Ziel ist es, Dir praxistaugliche, detaillierte Informationen rund um persönliche Sicherheit und Selbstverteidigungstraining zur Verfügung zu stellen. Mehr über mich

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