Gewalttäter: Verhaltensweisen und Charakterzüge als Warnsignale

"Aufmerksamkeit" ist ein beliebtes Stichwort in Selbstverteidigungstrainings. Meiner Erfahrung nach fehlt aber oft ein zentrales Element: Worauf sollte man überhaupt achten?

Der amerikanische Autor Marc MacYoung hat eine Liste mit Charakterzügen und Verhaltensweisen ausgearbeitet, die sich häufig bei Vergewaltigern, Stalkern und gewalttätigen Partnern wiederfinden. Sie beruht sowohl auf unterschiedlicher Literatur zu dem Thema, als auch auf seiner eigenen Erfahrung mit Gewalttätern.

Ich konnte die gleichen Punkte auch schon selbst bei Gewalttätern und Stalkern beobachten. Aus diesem Grund denke ich, dass diese Liste sehr nützlich sein kann. Natürlich gibt es keine Möglichkeit, die Gedanken anderer Leute zu lesen und ihr Verhalten vorherzusagen. Aber es gibt Weltanschauungen und Charakterzüge, die Gewalttaten deutlich wahrscheinlicher machen.

Marc MacYoung

Marc MacYoung

Marcs Artikel ist eine Liste mit Warnsignalen. Es sind Eigenschaften, aus denen sich normalerweise nichts Gutes ergibt. Je mehr man diese Verhaltensweisen in anderen Menschen wiedererkennt, desto vorsichtiger sollte man in deren Gegenwart sein.

Vielleicht kann diese Darstellung auch dabei helfen, den Grund für ein „komisches Gefühl“ zu erkennen und darauf zu hören, anstatt die eigene Intuition zu leugnen, weil man niemandem Unrecht tun will - bis es vielleicht zu spät ist.

Dieser Artikel befasst sich nicht mit Selbstverteidigung im Sinne von körperlicher Gegenwehr.

Gew​alt kann auch unter Freunden und Bekannten oder gar in der Partnerschaft stattfinden. Eine solches Verhältnis verkompliziert eine Notwehrlage nochmal deutlich.

Dieser Text setzt daher früher an: Es geht darum, Indizien für spätere Gewalt als solche zu erkennen und Ablenkungen zu durchschauen, um im Zweifelsfall früh auf der Hut sein zu können. 

Dieser Artikel dreht sich nicht darum darum, überraschend mit Gewalt durch einen völlig fremden Mensche konfrontiert zu werden. Stattdessen geht es um die Möglichkeit, potentiell gefährliche Menschen nicht zu weit in das eigene Leben hineinzulassen.

Marc hat mir freundlicherweise gestattet, seinen Artikel zu übersetzen und auf Deutsch zu veröffentlichen. Der folgende Text stammt also aus seiner Feder. Ich habe ihn lediglich etwas mehr gegliedert und an einigen Stellen der deutschen Sprache angepasst. In diesem Sinne übergebe ich das Wort an Marc MacYoung:


Das Profil potentieller Vergewaltiger (…sowie von Stalkern und gewalttätigen Partnern)

Meistens tun Menschen mehr von dem, was sie bisher getan haben . - Allen Trimpi

Manche Beratungsstellen versuchen Frauen vor Gefahren zu warnen, indem sie behaupten, dass „jeder Mann ein potentieller Vergewaltiger“ sei. Was für eine furchtbare Weltanschauung.

Wer möchte denn sein Leben in Angst vor der Hälfte der menschlichen Spezies verbringen? Oder so etwas Schlimmes über alle nahestehenden Personen oder gar den eigenen Partner glauben müssen?

Sicherheit sollte die Lebensqualität erhöhen und nicht senken. Paranoia führt dazu, ständig in Angst leben zu müssen. Hilfreicher ist es daher, wenn wir uns mit realistischen, wahrscheinlichen Szenarien auseinandersetzen. Diese können wir nämlich auch tatsächlich beeinflussen, anstatt uns nur fürchten zu müssen.

Jemand hat richtigerweise mal gesagt: „Unehrliche Leute sind selten nur in einem einzigen Bereich ihres Lebens unehrlich“. Auf die gleiche Art sind auch Einstellungen, die zu Vergewaltigungen und Gewalttaten führen können, meistens nicht nur auf diese Bereiche beschränkt. Sie neigen vielmehr dazu, den Charakter einer Person zu durchdringen und sich in vielen kleinen Anzeichen zu äußern. Bestimmte Weltanschauungen, Verhaltensmuster und Formulierungen sind für Sexual- und andere Gewalttätern äußerst typisch.

Falls Du bereit bist auf sie zu achten, sind solche Warnsignale oftmals leicht zu erkennen.

Es ist natürlich unmöglich, exakt vorherzusagen, welche Person eine andere sexuell angreifen wird. Doch dies hat einen anderen Grund: Wie sich die oben genannten Weltanschauungen genau manifestieren, ist eine Frage der persönlichen Vorgehensweise und der Interessen des Täters. Manche Täter handeln unverhohlen und greifen gewohnheitsmäßig andere Menschen körperlich an, während andere Personen subtil vorgehen und Opfer lieber mit Drogen oder Alkohol widerstandsunfähig machen. Die zugrundeliegenden Einstelllungen sind gleich, aber der „Stil“ ist völlig unterschiedlich. Aus diesem Grund ist kaum vorherzusagen, wer eine andere Person vergewaltigen oder körperlich angreifen wird. Ein Täter, der der einen Person gegenüber Gewalt anwenden wird, wird dies bei einer anderen Person nicht tun. Das gleiche gilt zusätzlich auch noch für äußere Einflüsse. Unter bestimmten Umständen wird er angreifen, unter anderen nicht.

Eine Tatsache lässt sich allerdings zuverlässig vorhersagen: Irgendetwas Schlechtes wird sich aus diesen Charaktereigenschaften ergeben. Nur die genaue Tat lässt sich nicht im Voraus erkennen.

Es gilt daher ein einfacher Grundsatz: Wenn Du die unten aufgeführten Eigenschaften bei einem anderen Menschen erkennst, sei auf der Hut. Je mehr dieser Verhaltensweisen zu Tage treten, desto größer ist die Gefahr und umso mehr solltest Du darauf achten, mit Demjenigen nicht allein zu sein. Auch falls die Person kein Sexual- oder Gewalttäter sein sollte, zeugen diese Verhaltensweisen von ernsthaften Charakterschwächen.

Warnsignale

1. Unsensibles, selbstsüchtiges Verhalten

    Stellt die Person ihre eigenen Interessen über die Bedürfnisse, Gefühle und das Wohlbefinden anderer Menschen? Ist ihm sein Wille wichtiger als das Wohl anderer Leute? Oftmals geht diese Eigenschaft weit über Egoismus hinaus und grenzt fast schon an ein für sich beanspruchtes „göttliches Anrecht“. Häufig rechtfertigen solche Leute besonders bösartiges Verhalten mit schnippischen Kommentaren wie etwa: „Hey, so läuft das Spiel eben.“ Diese Menschen haben kein Verständnis dafür, dass sie mit anderen Leuten koexistieren müssen. Aus ihrer reinen Existenz folgern sie, dass die Welt ihnen alles „schuldet“, wonach ihnen verlangt. Eine typische Taktik solcher Menschen ist es, Dir ein schlechtes Gewissen einzureden, wenn du nicht ihrem Willen folgst.

    2. Abwertendes Verhalten gegenüber anderen Menschen

    Macht eine Person regelmäßig fiese, abwertende Kommentare über andere Menschen? Oft werden solche Sprüche als Scherze oder Humor maskiert, obwohl sie ernst gemeint sind. Hält der Mensch sich anderen Leuten gegenüber für überlegen? Blickt er auf andere Personen herab? Ist er ein Rassist? Ein eingebildeter Neureicher? Eine Person, die glaubt dass ihre Abstammung oder soziale Position sie über andere Menschen stellt, kann die gleiche Schlussfolgerung auch leicht auf das Geschlecht übertragen. Auf Überlegenheitsgefühl folgt oft ein gefühltes „Recht“, sich einfach das zu nehmen, was man haben möchte.

    3. Negierendes Verhalten

    Dieser Punkt ist eng mit den ersten beiden verwandt. Versucht derjenige Dir einzureden, was du fühlst oder denkt? Oder noch schlimmer: gibt er vor, was Du nicht denkst oder fühlst? Kommentare wie beispielsweise „Das meinst Du doch nicht wirklich.“ sind ein deutliches Indiz, dass jemand versucht, Dich zu negieren. Eine Person, die andere Menschen negiert, versucht der anderen Person deren Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse wegzunehmen und stattdessen die eigenen Wünsche auf sie zu projizieren. Das eindeutigste Beispiel wäre „Sie hat zwar ‚Nein‘ gesagt, aber in Wirklichkeit ‚Ja‘ gemeint“.

    4. Eine feindselige und/oder drohende Wortwahl

    Welche Worte benutzt eine Person? Die Wortwahl eines Menschen übermittelt auch ihre unterbewussten Annahmen über das jeweilige Thema. Beispielsweise wird ein Mann, der Frauen immer als „Schlampen“ bezeichnet, kein gutes Bild von Frauen (und wenig Respekt vor ihnen) haben. Es ist allzu leicht, solche Sprüche als „mal Dampf ablassen“ abzutun. Aber wenn es ein konstantes Verhalten ist, dann geht es weit darüber hinaus. Jemanden, der gewohnheitsmäßig immer aggressive oder drohende Sprache nutzt, sollte man sehr genau hinsichtlich möglicher Eskalation im Auge behalten. In seinem Kopf hat das entsprechende Verhalten schon seinen Platz gefunden. Der Schritt vom „Denken“ zum „Machen“ ist oft beunruhigend klein.

    5. Mobbing

    Dieses Verhalten ist besonders gefährlich. Nutzt die Person offene oder subtile Drohungen und Schikane, um ihren Willen durchzusetzen? Ein Mobber setzt häufig mehr auf Drohungen und Anspielungen als tatsächlich auf körperliche Gewalt. Meistens riskieren solche Leute keine Konflikte mit jemandem, der ihnen wehtun könnte, sondern schüchtern lieber jemanden ein, den sie für schwächer und damit für sicher halten. Jemand der Mobbing für andere Zwecke nutzt, kann das gleiche Verhalten auch nutzen, um Sex zu erzwingen.

    Eine Anmerkung zur Übersetzung: Im Englischen unterscheidet man zwischen „mobbing“ und „bullying“. Bei „bullying" handelt ein einzelner Täter, bei „mobbing“ eine ganze Gruppe. Hier ist „bullying“ gemeint, also eine einzelne Person, die ihren Willen durch Drohungen, Einschüchterung und Schikane durchsetzt. Da sich diese Unterscheidung im Deutschen nicht durchgesetzt hat, habe ich es mit Mobbing übersetzt. Hier ist allerdings nicht zwingend eine Gruppe gemeint.

    6. Chronische Wut

    Wie leicht wird die Person wütend? Hat sie eine „kurze Zündschnur“? Kocht sie bei der kleinsten Schwierigkeit sofort über? Dies ist ein Anzeichen von chronischer, exzessiver Wut. Ein Mensch der bei Kleinigkeiten explodiert, ist wie ein voller Topf auf einer heißen Herdplatte. Der Anlass für einen Wutausbruch muss gar nicht sonderlich bedeutend sein. Das Problem ist, dass die Person schon so voller Wut ist, dass jede weitere Kleinigkeit zur Explosion führt. Menschen mit chronischer Wut sind oft auf der Suche nach Leuten, an denen sie ihre Wut auslassen können. Dies kann zu Schlägereien, häuslicher Gewalt oder Vergewaltigungen führen.

    7. Dinge in sich hineinfressen und auf Rache sinnen

    Bleibt die Person noch lange nach dem Ende des Geschehens wütend? Frisst sie das Geschehen noch immer in sich hinein, wenn alle anderen schon lange damit abgeschlossen haben? Verhält sie sich auf einmal anti-sozial und starrt den Grund für ihre Wut noch viel später quer durch den ganzen Raum an? Besteht derjenige darauf, sich für echte oder eingebildete Ungerechtigkeiten zu rächen? Beides zeugt von einer engstirnigen und zwanghaften Persönlichkeit. Eine solche Person fixiert sich auf etwas und steigert sich darüber in einen Wahn hinein. Jemand der Rache sucht muss „gewinnen“ und ist bereit, dafür bis ins Extrem zu gehen. Wenn Du die sexuelle Annäherung einer solchen Person abweist, kannst Du damit genau dieses Verhalten auf dich ziehen.

    8. Besessenheit

    Dieser Punkt ist eng mit der Nummer sieben verwandt. Er spielt bei Sexualdelikten zwischen Bekannten häufig eine große Rolle. Der Täter ist zwanghaft davon besessen, eine Beziehung mit der anderen Person haben zu wollen. Es geht um die Art von Person, die Dich einfach nicht in Ruhe lässt. So jemand besteht darauf, „etwas von jemandem zu wollen“, obwohl die andere Person schon lange nein gesagt hat. Er versucht ständig, Zweisamkeit zu erzwingen. Besessenheit kann bei Ablehnung schnell in Wut umschlagen. Eines Tages taucht die Person dann betrunken an einer günstigen Örtlichkeit auf und greift an.

    9. Extreme Stimmungsschwankungen

    Vor Personen, deren Stimmung blitzartig von wilder Freude zu tiefer Verletzung umschlagen kann, solltest Du auf der Hut sein. Eine solche Person kann sich im Recht fühlen, äußerst gewalttätig zu werden, weil Du „seine Gefühle verletzt“ hast. Solches Verhalten ist unter anderem typisch für Leute, die chronische Wut auf „das Leben“ empfinden.

    10. Körperliche Tobsuchtsanfälle

    Wie wird eine Person wütend? Insbesondere, wenn sie nicht ihren Willen bekommt? Vor Leuten, die ihre Wut regelmäßig mit körperlicher Gewalt an Gegenständen auslassen (gegen Wände schlagen, nach Sachen treten, etc.), solltest Du dich ebenfalls in Acht nehmen. Von körperlicher Aggression gegen Sachen zu körperlicher Aggression gegen Menschen ist es ist nur ein kleiner Schritt.

    11. Gorilla-Mentalität

    Leute mit dieser Einstellung sind Verfechter von körperlicher Gewalt. Solche Ansichten sind insbesondere unter Kontaktsportlern verbreitet. Besonders heimtückisch ist es, dass es in solchen Umfeldern oft nicht nur positive Verstärkung sondern sogar Applaus für aggressives, gewalttätiges Verhalten gibt. Dies kann leicht dazu führen, dass Diejenigen in der Hinsicht nicht mehr zwischen Spielfeld und dem restlichen Leben differenzieren können.

    12. Aggressive Betrunkene

    In vielen Vergewaltigungs- und Missbrauchsfällen spielt Alkohol eine Rolle. Achte darauf, was zum Vorschein kommt, wenn jemand betrunken ist. Dieses Verhalten lauert stets unter der Oberfläche. Wenn jemand unter Alkoholeinfluss aggressiv wird, ist das ein klares Warnzeichen. Vermeide den Umgang mit einer solchen Person, wenn sie betrunken ist. Insbesondere solltest du Deine eigene Handlungsfähigkeit in der Gegenwart einer solchen Person nicht selbst durch Alkohol oder Drogen mindern.

    13. Alkohol- oder Drogenmissbrauch

    Zuerst einmal lassen sich Alkohol- und Drogenabhängigkeiten oft auf selbstsüchtiges Verhalten und eine Weigerung gegen Veränderungen zurückführen. Alkohol und Drogen sind häufig nicht die Ursache für schlechtes Benehmen. Vielmehr werden sie als Ausrede genutzt. Es kommt oft vor, dass spätere Angreifer sich absichtlich berauschen, um die sozialen und inneren Hemmschwellen bezüglich Gewalt ignorieren zu können.

    Ein erstes Fazit

    Es gibt weitere Anzeichen, aber diese Verhaltensweisen sind ernstzunehmende Indikatoren für potentielle Vergewaltiger, Stalker oder Gewalttäter. Diese kurze Liste sollte eine gute Grundlage bilden. Nicht alle Männer sind Gewalttäter. Aber eine Person, die sich wie oben beschrieben verhält, hat eine wesentlich höhere Wahrscheinlichkeit. Die beschriebenen Charakterzüge finden sich nicht nur bei Vergewaltigern und gewalttätigen Partnern, sondern auch bei professionellen Kriminellen. Philosophisch betrachtet gibt es zwischen diesen Gruppen nur geringe Unterschiede. Meistens liegen die Unterschiede nur im Ausmaß, in den persönlichen Vorlieben und in der Wahl der Opfer.

    Im Weiteren geht es darum, wie potentielle Täter ihr Verhalten tarnen oder erklären, um Opfer auf eine falsche Fährte zu führen und Misstrauen zu verhindern.

    Aalglatte Typen und der Blick hinter die Fassade

    Die folgende Anekdote wurde von Marcs Frau, Dianna Gordon MacYoung, geschrieben:

    Einen Samstag-Morgen erzählte unsere gerade erwachsene Tochter bei einem Besuch, dass sie mit jemandem ausging, der in seiner Vergangenheit wegen eines Sexualdelikts verurteilt worden war. Marc versuchte, seine erste Reaktion hinter einem Schluck Kaffee zu verbergen. Diesen hätte er allerdings fast durch den Raum gespuckt, als sie weiter ausführte: „Aber das ist in Ordnung. Er hat mir erklärt, was passiert ist und er konnte nichts dafür.“

    Natürlich konnte er nichts dafür - Und wo wir schon dabei sind, entlassen wir doch die ganzen Strafgefangenen. Die behaupten auch alle, sie wären unschuldig.

    Als wir darauf hinwiesen, dass er lügen oder sich zumindest besser darstellen könnte, erklärte sie stolz, dass sie „das überprüft hätte“ – indem sie seinen besten Freund gefragt hätte. Anschließend schilderte sie uns einen ganzen Haufen an Verhaltensweisen, die an Stalking grenzten. Wir sagten ihr, dass sie den Mann schneller als eine heiße Kartoffel fallen lassen sollte.

    Am Verstörensten war ihre Empörung über unsere Reaktion. Warum würden wir uns so aufregen? Sie „wisse, was sie tue“ und „könne auf sich selbst aufpassen“. Derartige Leichtgläubigkeit, eine Mischung aus absichtlich verschlossenen Augen und Arroganz, bringt Leute in Gefahr. Unsere Tochter hatte Beides in rauen Mengen.

    Glücklicherweise trennte sie sich kurze Zeit später von ihm, als sie wieder zur Schule ging und es kam nie zu irgendwelchen schlimmen Vorfällen. Sie konnte sich mit Leichtigkeit anderen Dingen zuwenden und überzeugt bleiben, dass Mutter und Vater mal wieder paranoid überreagiert hätten. Sie ist leider unsere Gefahrensucherin. Sie besteht darauf, sich regelmäßig in derartige Situationen zu bringen.

    Wir erzählen diese Geschichte hier, weil es ein altes Sprichwort gibt: Einen ehrlichen Mann kann man nicht betrügen. Für Leute mit wenig Lebenserfahrung scheint dieser Spruch manchmal keinen Sinn zu ergeben. Er ist nichtsdestotrotz sehr wahr. Die meisten Schwindeleien basieren auf der Gier des Opfers. Normalerweise werden die Leute Opfer von Betrügereien, die auf lächerlich geringe Preise oder unrealistisch hohe Gewinne hoffen. Eine ehrliche Person ahnt, dass etwas nicht stimmt. Solch leichte Gewinne gibt es mit seriösen Geschäften nicht. Wenn jemand ein viel zu gutes Angebot macht, dann stimmt damit in der Regel etwas nicht. Aber aufgrund ihrer Gier gehen die Leute trotzdem darauf ein.

    Auf dem gleichen Wege kann ein redegewandter Mensch einen von vielen Sachen überzeugen, wenn man es nur glauben möchte. Je mehr man etwas glauben möchte, umso weniger Überzeugungsarbeit muss der andere leisten. Aber ohne die Bereitschaft des Opfers, den eigenen gesunden Menschenverstand zu ignorieren, hat selbst der aalglatteste Betrüger keine Macht und keine Chance, jemandem zu schaden.

    Der Grund für diesen Ausflug in die Welt der Betrüger ist der, dass auch viele Vergewaltiger versuchen, die oben genannten Warnzeichen zu verbergen, kleinzureden oder „wegzuerklären“. Es lässt sich nicht vorhersagen, auf welche Weise sie das versuchen werden. Es kommt auf den individuellen Täter, seine Meinungen und seine Einschätzung des Opfers an. Eins lässt sich allerdings sagen: Die Person wird ihre Erklärungen auf das maßschneidern, was aus ihrer Sicht beim Opfer am besten ziehen wird. Aus diesem Grund wird es im ersten Moment vermutlich sehr überzeugend klingen. Es gibt jedoch einige übliche Taktiken:

    1. Verharmlosung

    Die Person versucht, das Thema zu verharmlosen. Ein verbaler Angriff wird später als Scherz verkauft. Ein ernster Vorfall wird mit einem beiläufigen Kommentar abgehakt, als sei es keine große Sache gewesen.

    2. Alles dreht sich nur um ihn

    Eine andere übliche Ausrede besteht daraus, alles auf sich zu fokussieren und die Folgen seines eigenen Handelns damit auszublenden. Das Verhalten war beispielsweise gerechtfertigt, weil er emotional angegriffen wurde oder die andere Seite angefangen hat.

    3. Das Thema abblocken

    Aggression ist ein verbreitetes Mittel, um Gespräche über bestimmte Dinge rundheraus zu verhindern. Das Thema ist dann einfach tabu, weil es ihn wütend macht oder aufregt.

    4. Jemand anderes ist schuld

    In diesem Fall hat er eine lange, detaillierte Geschichte, weshalb es in Wirklichkeit nicht seine Schuld war. Derartige Geschichten haben aber meist eins gemeinsam: obwohl sie in manchen Bereichen sehr detailliert sind, fehlt ihnen dieser Tiefgang an anderen Stellen. Dies sind genau die Bereiche, in denen es um seine eigene Verantwortung geht. Damit sind nicht seine konkreten Handlungen oder seine Gefühle gemeint – die werden meistens lang und breit erläutert. Vielmehr sind die Bereiche flach, in denen es darum geht, warum er sich auf eine Weise verhalten hat, von der er wusste, dass sie falsch ist. Diese Frage wird schnell übergangen. Leider können solche Leute ihre restliche Geschichte genau steuern, um das zu tarnen. Wenn sie einen mit viel Quatsch zu anderen Details ablenken können, bemerkt man nicht unbedingt, dass dieses zentrale Element fehlt.

    5. Nachfragen und Widerspruch gegen den Gesprächspartner verwenden

    Es ist nicht unüblich, Zweifel gleich gegen den Zuhörer zu richten. Die Reaktion auf das Gehörte ist falsch. Davon wollen sie einen überzeugen. Man ist „engstirnig“ und ungerecht. Versteht man nicht, dass es ein Scherz war? Wie kann man so nachtragend sein und ihm etwas vorwerfen, was nicht seine Schuld war? Oder eine sehr übliche Variante: wie kann man so unsachlich sein? Man solle doch mal sehen, wie sachlich er versucht, das Ganze zu handhaben.

    Ganz egal, welche konkreten Taktiken jemand nutzt: Alle Möglichkeiten, solches Verhalten zu rechtfertigen, haben eine zentrale Gemeinsamkeit. Um ein bestimmtes Thema wird immer ein Bollwerk errichtet. Es lässt sich schwer beschreiben. Aber wenn man erstmal gelernt hat, es zu sehen, dann taucht dieses Bollwerk immer auf. Um einen Punkt wird immer herumgeredet oder er wird schnell übersprungen. Die Person weigert sich, für das eigene Verhalten persönliche Verantwortung zu übernehmen.

    Ein anderes Thema, das solche Leute niemals ansprechen, ist ihre eigene Verantwortung, mit anderen Leuten auf gleicher Basis zu interagieren. Es geht immer nur darum, wie andere Leute sie beeinflusst haben. Oder was sie alles getan haben und wie sehr sie daran gearbeitet haben, eine Lösung zu finden. Aber sie werden niemals zugeben oder anerkennen, dass ihr eigenes Verhalten und ihre eigenen Worte andere Leute möglicherweise genauso oder noch mehr beeinflusst haben könnten.

    Wenn es Dir gelingt, Deine eigene emotionale Beteiligung aus der Betrachtung herauszuhalten, dann kannst Du erkennen, wie andere Leute versuchen, diese Verhaltensweisen zu maskieren. Aber bevor du Deine eigenen Emotionen vor lassen kannst, musst du Deine eigenen Motive kritisch und ehrlich hinterfragen. Welchen Nutzen ziehst Du aus der Situation? Hast Du Angst etwas zu verlieren, falls Du dir erlaubst, das oben geschilderte Verhalten als solches zu erkennen und Dir seine Bedeutung bewusst zu machen?

    Im oben geschilderten Fall unserer Tochter waren das beispielsweise finanzielle Vorzüge. Der Mann kam aus einer wohlhabenden Familie. Er hat stets für Ausflüge, Restaurants oder Getränke bezahlt und ihr oft Geschenke gemacht. Als „arme“ Studentin war das sehr reizvoll für sie. Weil sie von der Beziehung zu ihm profitiert hat, wollte sie die Warnsignale nicht wahrhaben und akzeptierte stattdessen eine flache, verzerrte Erklärung für seine Vergangenheit. Erst als ihr sein zwanghaftes, besitzergreifendes Verhalten zu lästig wurde, kam sie zu dem zu dem Schluss, dass der Ärger den Nutzen nicht wert war.

    Was dir nicht lieb ist…

    Der Erzählung zufolge wurde der Rabbi Hillel von einem Nichtjuden vor eine Aufgabe gestellt. Der Gelehrte solle die ganze Tora in der Zeit erklären, in der der Skeptiker auf einem Bein stehen könne.

    Daraufhin sprach Rabbi Hillel: „Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Tora und alles andere ist nur die Erläuterung.“

    Vergewaltiger sind normalerweise äußerst selbstsüchtige Menschen. Es mag möglich sein, dass es zu einer Vergewaltigung kommen kann, weil ein ansonsten „netter Typ“ einige schlechte und egoistische Entscheidungen trifft – aber das ist wenn überhaupt die Ausnahme und nicht die Regel. Normalerweise haben Vergewaltiger eine lange Vorgeschichte mit dementsprechendem Benehmen. Sexualdelikte sind unter anderem eine extreme Manifestation von selbstsüchtigem Verhalten.

    Das führt uns allerdings zu einem interessanten Punkt: Normalerweise wird schlechtes Verhalten nur von solchen Leuten toleriert, die im Gegenzug das gleiche erwarten. Wer sich stets selbstsüchtig verhält, der wird irgendwann nur noch von Gleichgesinnten umgeben sein. Dies ist eine langsame Wandlung, die den Betroffenen oft gar nicht auffällt. Wenn diese Veränderung erstmal im Gange ist, dann sind die Unterschiede nur noch graduell: Wer ist selbstsüchtiger? Ab diesem Punkt ist die Frage im Grunde nicht mehr, ob irgendwann etwas Schlechtes passiert. Fraglich ist nur noch, wann es dazu kommt.

    Falls Du die in diesem Artikel beschriebenen Warnzeichen bei irgendjemandem erkennst, nimm sie ernst. Entscheide dich nicht einfach, sie zu ignorieren. Gehe nicht davon aus, dass Du die Situation schon im Griff hast. Das ist eine trügerische Allmachtsphantasie. Ein anderer Mensch lässt sich nicht „kontrollieren“. Die Annahme, dass man das sehr wohl könne, ist pure Arroganz.

    Das Beste ist es, solche Leute aus Deinem Leben zu streichen. Menschen die sich kontinuierlich auf die oben beschriebene Art verhalten, sind ein Risikofaktor, der den Nutzen nicht wert ist.

    Falls Du dich umguckst und solches Verhalten in all deinen Freunden wieder erkennen solltest, dann ist es an der Zeit, auch dein eigenes Verhalten gegenüber anderen kritisch zu hinterfragen.

    Fazit

    Die dargestellten Warnsignale und Taktiken sind real. Mit Menschen, die sich so verhalten, solltest Du sehr vorsichtig umgehen. Bring Dich nicht selbst in Situationen, in denen Dir so jemand erfolgreich Gewalt antun könnte. Im wahrsten Sinne des Wortes: Gehe nicht allein mit solchen Leuten mit. Schon gar nicht, wenn Alkohol oder Drogen im Spiel sind.

    Die gleichen Verhaltensweisen finden sich auch bei Menschen wieder, die sich im Laufe einer Beziehung zu gewalttätigen Partnern entwickeln. Die oben beschriebenen Warnsignale sind wie Samen, aus denen häusliche Gewalt erwächst. Aber die Taten finden erst statt, wenn Du schon in eine Beziehung zu dem Täter (oder der Täterin) verwickelt bist. Auch dies ist ein guter Grund, Beziehungen mit Leuten zu vermeiden, die sich so verhalten.

    Zu einem gewissen Grad wirst Du diese Warnsignale in vielen Leuten wiedererkennen, die Du kennst. Mache nicht den Fehler, sie zu ignorieren, zu rechtfertigen oder zu entschuldigen. Schon gar nicht, falls Du eine ganze Menge von ihnen in einer einzelnen Person siehst. Gerade viele junge Frauen machen den Fehler und glauben, dass jemand ihnen nichts tun wird, weil er es bisher nicht getan hat.

    Ein Hai ist ein Hai, ganz egal ob er friedlich im Wasser schwimmt oder angreift. Nur weil Du bisher nicht angegriffen worden bist, heißt das nicht, dass er nicht angreifen kann oder nicht angreifen wird. Du hast bislang nur noch nicht sein Interesse geweckt oder er hatte noch keine erfolgsversprechende Gelegenheit.

    -Marc MacYoung


    Der englische Original-Artikel von Marc findet sich hier: http://www.nononsenseselfdefense.com/profile.html

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    Thomas Milbradt
     

    Ich bin Thomas Milbradt, der Autor dieser Seite. Mein Ziel ist es, Dir praxistaugliche, detaillierte Informationen rund um persönliche Sicherheit und Selbstverteidigungstraining zur Verfügung zu stellen. Mehr über mich

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