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Seminarbericht: „How to Run Scenarios“ mit Rory Miller

Szenariotraining ist ein sehr wertvoller Baustein im Selbstverteidigungstraining. Gut gemacht simuliert es einen Ernstfall unter möglichst realistischen und trotzdem noch verhältnismäßig sicheren Umständen. Gleichzeitig ist es jedoch auch eins der anspruchsvollsten Themen im Selbstschutz-Bereich.

Im Oktober 2015 hatte Armin Hutter von Kampfkunst Fritzlar ein Seminar über Szenariotraining mit dem amerikanischen Trainer Rory Miller organisiert.

Das Thema lautete "How to Run Scenarios" - Es ging nicht darum, einfach mal ein Szenario zu absolvieren, sondern um eine Unterweisung in die Organisation von Szenariotrainings.

In diesem Bericht erhältst Du am Beispiel des Seminars einen kleinen Überblick über das Thema, seinen Nutzen und typische Stolpersteine.

Szenariotraining

Gutes Szenariotraining braucht mehr als Schutzausstattung und eine Örtlichkeit außerhalb des Dojos

Tag 1: Szenariotraining in der Theorie

Der erste Tag fand - für ein Kampfsport- beziehungsweise Selbstverteidigungsseminar ungewöhnlich - vollständig in einem Seminarraum statt. Szenariotraining ist ein extrem komplexes Thema, weil sehr viele Bereiche gleichzeitig zu beachten sind.

Aus diesem Grund war Rory der "Theorie"-Teil auch sehr wichtig. Laut seiner eigenen Aussage ist "How to Run Scenarios" das einzige Seminar, bei dem er seine Vorträge stikt anhand von Notizen hält. Bei diesem Thema wolle er absolut ausschließen, einen Punkt aus Versehen zu überspringen. Der Grund für diese Vorsicht ist einfach:

Gutes Szenariotraining kann das Selbstbewusstsein stärken, Vertrauen in das eigene Können schaffen, Defizite aufzeigen, Taktik schulen, Entscheidungsfindung unter Stress trainieren   und mehr.

Es gibt jedoch keinen Automatismus für all diese postiven Punkte:

Schlechtes Szenariotraining kann unkluge Taktiken zementieren, gefährliche Erwartungshaltungen verankern, Notwehr-Exzesse provozieren, zu falscher Passivität verleiten oder andere negative Konsequenzen haben.

Der Theorieteil des Seminars fiel dann auch entsprechend umfangreich aus. Unter anderem wurden folgende Themen ausführlich besprochen:

VPPG: Violence-Prone-Playgroup?

Für Teilnehmer, die bereits am Vorabend des Seminars angereist waren, wurde zusätzlich zu den zwei Tagen "How to Run Scenarios" ein freier Trainingsabend ohne feste thematische Vorgaben angeboten.

Rory bezeichnet dies Format als Violent-Prone Playgroup, kurz VPPG - Zu Deutsch: Eine "gewaltaffine Spielgruppe". Meiner Meinung nach kann solch ein freies Training in bestimmten Fällen eine sehr interessante Alternative zu regulärem Unterricht sein.

  • Die unterschiedlichen Ziele von Szenariotraining
  • Notwendige Sicherheitsvorkehrungen bei Szenariotraining
  • Das erforderliche Team und sinnvolle Rollenverteilungen
  • Die benötigte Ausrüstung sowie Vor- und Nachteile unterschiedlicher Ausstattung
  • Kriterien für gute Szenarien
  • Ablauf und Steuerung von Szenariotraining
  • Typische Fehler und Stolpersteine
  • Szenario-Nachbereitung unter taktischen, legalen und psychischen Aspekten
verschiedene Schutzausstattungen

Betrachtung von Vor- und Nachteilen verschiedener Schutzkleidungs-Varianten

Nach den Erläuterungen musste die Gruppe gemeinsam eine große Anzahl an Szenario-Ideen entwerfen. Bei der Besprechung der Ideen wurde deutlich, wie komplex Szenariotraining eigentlich ist.

So manche "gute Idee" stellte sich als doch nicht so gut heraus: Was ist das Ziel des Szenarios? Gibt es überhaupt eine sinnvolle Lektion für die Person? Ist die Situation realistisch? Passt sie zum Teilnehmer? Gibt es unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten, ist es überhaupt ein Szenario? Und oft entscheidend: Ist das Szenario überhaupt glaubwürdig umsetzbar?

Am Ende des Tages wurden anhand einer langen Tabelle Vierergruppen für den Praxisteil am Folgetag eingeteilt: Jeder Seminarteilnehmer sollte dann ein Szenario als Teilnehmer durchlaufen, ein Szenario leiten, einmal Darsteller und einmal Sicherheitsperson sein.

Außerdem gab es zwei Hausaufgaben: Zum einen sollte man sich natürlich Gedanken über mögliche Szenario-Ideen machen. Zum anderen sollte jeder eine vollständige Sicherheitseinweisung für den Beginn eines Szenariotags schreiben.

Tag 2: Szenariotraining in der Praxis

Als erstes wurden die Sicherheitseinweisungen eingesammelt und durchgeguckt. Um es mit Rorys Worten zu sagen: Wer das Thema nicht ernst genug nimmt, um eine kleine Hausaufgabe zu machen, der hat den Ernst des Themas nicht verstanden. Zum Glück hatten alle Teilnehmer ihre Hausaufgaben gemacht.

Anschließend wurde die Trainingsörtlichkeit inspiziert. Für den Praxisteil konnte das Clubhaus eines örtlichen Motorradclubs genutzt werden. Das galt es jetzt zu beurteilen: Welche Örtlichkeiten könnten für Szenarien genutzt werden? Es gab einen Thekenbereich, die Toilette, eine enge Treppe, ein Gästeschlafzimmer, eine Sitzecke mit Sofas, Billardtisch und Kamin, ein Außengelände sowie einen Parkplatz.

Ein Plan für Szenario-Training

Strukturiert: Der Ablaufplan für alle Szenarien des Praxistages

Dann wurde besprochen, welche Sicherheitsrisiken erkannbar waren: Welche Bereiche werden nicht genutzt? Können Gefahrenquellen entfernt werden? Welche potentiellen Risiken bleiben vor Ort und werden Aufgabe der Sicherheitsleute? Diese Entscheidungen überließ Rory größtenteils der Gruppe - die Durchführung der Szenarios war schließlich die Aufgabe der Teilnehmer.

Anschließend wurden nacheinander alle Szenarien durchlaufen. Dazu gehörte auch immer eine kurze Nachbesprechung:

Was hat das Opfer erlebt? Wurde die Situation bewältigt? Wie ist die Lösung aus rechtlicher und taktischer Sicht zu bewerten? Bei der Nachbereitung kam es vor allem darauf an, gute Verhaltensweisen nicht zu "zerreden".

Nach dieser Besprechung wurde die Gestaltung des jeweiligen Szenarios durch Rory bewertet: Machte die Idee Sinn? Wie gelungen war die Umsetzung? Hier konnte viel gelernt werden. Rory hatte sich die individuellen Szenarien zwar vorher kurz schildern lassen, aber bewusst kaum eingegriffen. Auf diese Weise konnten viele typische Probleme "live" erlebt werden, anstatt sie nur im Seminarraum zu hören. Learning by doing war angesagt.

Aufgrund der vielen Szenarien war es ein recht langer Tag, aber es zeigte sich auch: Gute Szenarien müssen je nach Ziel nicht lange brauchen. Viele Selbstschutz-Situationen spielen sich innerhalb kürzester Zeit ab.

Am Ende des Seminars wurden die wichtigsten Erkenntnisse aus jedem einzelnen Szenario noch einmal zusammengetragen. Dabei kristallisierten sich insbesondere drei Kriterien für ein gutes Szenario heraus:

Ein Szenario muss realististisch sein, zu der trainierenden Person passen und einem sinnvollen Zweck dienen.

Fazit

Genau wie einige andere Teilnehmer hatte ich bereits vor dem Seminar Erfahrung mit Szenariotrainings. Die zwei Tage mit Rory waren jedoch eine sehr wertvolle Erfahrung.

Für mich persönlich war der wichtigste Punkt, wie entscheidend Details in Szenarien sind: Wenn sich ein Täterdarsteller unrealistisch verhält oder ein Szenario nicht zu echten Vorfällen passt, ist das gefährlich: Mit Glück ist das Training einfach nur nutzlos. Mit Pech lernt der Teilnehmer oder die Teilnehmerin beispielsweise, zuzuschlagen wenn dies nicht sinnvoll oder völlig unrechtmäßig ist. Vielleicht verankert er oder sie unterbewusst, dass Vermeidung unmöglich ist. Oder die Person kommt damit davon, in einer Situation passiv zu bleiben, in der sie absolut hätte handeln müssen - und verankert diese Passivität.

Der Planer eines Szenarios sowie der oder die Täterdarsteller müssen ein gutes Verständnis für Gewaltdynamiken und "Bösewichten" haben. Auch das Motiv des dargestellten Täters muss vorher klar sein, denn davon hängt zum Beispiel ab, ob und wie Deeskalation möglich ist. Des Weiteren müssen der oder die Darsteller gut genug schauspielern können, um unterschiedliche Motive auch deutlich machen können.

Durch diese Komplexität wurde auch Rorys wichtiger Punkt deutlich: Szenario-Training sollte man gut oder gar nicht machen.

Es ist völlig in Ordnung auf Szenario-Training zu verzichten, wenn die Möglichkeiten nicht gegeben sind. Gutes Selbstverteidigungstraining wird nicht schlecht, nur weil Szenariotraining unmöglich ist. Schlechtes Szenariotraining kann jedoch womöglich alle "Gewinne" aus dem normalen Training ruinieren.

Hast Du Fragen, Kritik oder Anregungen zu diesem Artikel? Hättest Du Interesse an weiteren Artikeln zum Thema Szenariotraining? Schick mir einfach eine Nachricht oder hinterlasse einen Kommentar - ich freue mich, von Dir zu hören!

Thomas

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Thomas Milbradt
 

Ich bin Thomas Milbradt, der Autor dieser Seite. Mein Ziel ist es, Dir praxistaugliche, detaillierte Informationen rund um persönliche Sicherheit und Selbstverteidigungstraining zur Verfügung zu stellen. Mehr über mich

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