Weshalb die meisten Vergleiche zwischen Kampfsportsystemen albern sind… (und worauf es tatsächlich ankommt)

Ich stolpere immer wieder über Vergleiche zwischen unterschiedlichen Kampfsportarten und Selbstschutzsystemen. Ich wurde auch schon mehr als einmal gefragt, zu welchem Kampfsport ich jemandem raten würde.

Wie aussagekräftig ist es, Kampfsportarten miteinander zu vergleichen? Das kommt natürlich ganz auf den Grund für den Vergleich an. Tatsache ist aber: Viele Vergleiche finde ich ziemlich albern.

Auf YouTube und bei Facebook gibt es zum Beispiel zahllose Videos "Kampfsport X gegen Kampfsport Y". Vor ein paar Tagen hat ein Bekannter von mir mal wieder ein solches Video geteilt. In diesem Fall war es "Ringen vs. BJJ" - als ständen dort zwei Kampfsportarten auf der Matte.

Youtube-Vorschläge zu "MMA vs"

Beispiel gefällig? Suchvorschläge zu MMA vs. ...

Es stehen sich allerdings nicht "BJJ" und "Ringen" gegenüber, sondern Typ A und Typ B. Im Fall des oben genannten Videos hat der technisch weitaus bessere Ringer mit dem BJJ-ler die Matte aufgewischt.

Aber was soll mir das bitte sagen?

Wieviel Aussagekraft hat ein solcher Vergleich? Schlägt Ringen BJJ, so wie der Stein die Schere? Wohl kaum. Aber wenn der Name des Systems noch keinen Kampf entscheidet, was dann?

Welche Faktoren entscheiden einen Kampf?

Das ist eine gute Frage. Leider gibt es keine definitive Antwort, aber hier sind einige Aspekte:

In einem sportlichen Wettkampf:

  • Alter, Fitness, Größe und Gewicht der Parteien
  • Die Erfahrung und das Können der einzelnen Kämpfer
  • Die Fähigkeit, den Gegner zu lesen und die eigene Taktik auf dessen Schwächen abzustimmen
  • Wie gut oder schlecht das Training der Kämpfer war
  • Auf welche Art von Auseinandersetzung das trainierte System ausgelegt ist
  • Welchem Kämpfer das geltende Regelwerk mehr bzw. weniger entgegen kommt
  • Glück

In einer Notwehrlage kommen weitere Faktoren dazu:

  • ​Überraschung und Hinterhalte
  • mögliche Alkoholisierung oder andere Betäubungsmittel
  • Zahlenmäßige Über- oder Unterlegenheit
  • Bewaffnung und eventuell die Fähigkeit, eine Waffe auch im Kampf ziehen zu können
  • Die mentale Fähigkeit eines potentiellen Opfers, das normale soziale Verhalten für den Moment hinter sich zu lassen und Gewalt ausüben zu können

Bevor jemand fragt: Beide Listen sind definitiv unvollständig.

Das oben erwähnte Video zielte darauf ab, zu beweisen wie gut Ringen als Kampfsport sei. Aber macht es Sinn, zwei Systeme anhand eines einzelnen Kampfes zu vergleichen und zu bewerten? Wenn ich mir all die gerade genannten Faktoren anschaue, dann kann ich derartige Videos einfach nicht ernst nehmen.

Soll das heißen, dass jeder Kampfsport gleich ist?

Nein. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Aikido, MMA, Ringen, Muay Thai, Kung Fu, Boxen, JuJutsu, philippinischem Messer- und europäischem Schwertkampf sowie den zahllosen weitere Systemen. Manche Sportarten sind sich relativ ähnlich, andere völlig verschieden.

Es wäre ja auch seltsam, wenn nicht. Verschiedene Systeme sind in ganz verschiedenen Kulturen und Epochen entstanden sowie auf verschiedene Szenarien ausgerichtet: Hatte ein System einen militärischen Hintergrund auf einem Schlachtfeld? Wenn ja: in einer Gegend mit oder ohne metallenen Rüstungen? Geht es auf Duelle oder sportliche Wettkämpfe zurück? Ist es in warmem oder kaltem Klima entstanden? Wie wurde es im Laufe der Zeit übermittelt? All diese Faktoren haben Systeme geprägt und beeinflusst, wofür sie besser oder schlechter taugen.

Ich würde weder mit MMA-Training auf einem mittelalterlichen Schlachtfeld bestehen wollen, noch ein Selbstschutzkonzept in Deutschland im Jahr 2016 auf Schwertkampf basieren. Ich denke, diese Feststellung braucht keine nähere Erläuterung.

Wann macht ein Vergleich zwischen Kampfsportarten Sinn?

Kurz gesagt: Vergleiche machen Sinn, wenn Du für Dich ein konkretes Ziel hast. In diesem Fall kannst Du natürlich nach einem System suchen, dessen Inhalte und Körpermechanik möglichst gut zu Deinen Vorstellungen passen.

Wofür möchtest Du trainieren?

  • Selbstschutz gemäß deutschem Notwehrrecht?
  • Aggressive Personen mit möglichst wenig Gewalt kontrollieren können (Polizei, Rettungsdienst, Türsteher, etc.)?
  • Wettkämpfe gewinnen wollen?
  • Wenn ja, welche Art von Wettkampf?
  • Sportlicher Ausgleich zum Büro-Alltag?
  • Einer bestimmten Leidenschaft nachgehen?
  • Und so weiter...

Wenn Dir Dein Ziel bewusst ist, macht es durchaus Sinn, Kampfsportarten zu vergleichen. Viele Vergleiche, die ich irgendwo höre oder lese, scheinen sich jedoch in erster Linie damit zu befassen, wie toll System X und wie doof alles andere ist.

Das ist menschlich, aber nicht unbedingt zielführend. Wenn Du Dich vor Gewalt schützen möchtest, solltest Du an das Thema stattdessen offen herangehen. Hinterfrage Deine eigenen Ansichten hin und wieder, schau gelegentlich über den Tellerrand und setz Dir nicht versehentlich "Scheuklappen" auf. Einzelfallbetrachtungen statt Pauschalisierungen sind hier gefragt. Selbstschutz ist ein komplexes Thema und es ist selten, dass man zu komplexen Themen alle relevanten Informationen an einer einzigen Stelle findet.

Wäre es nicht bitter, wenn Dir in einem Notfall etwas weitergeholfen hätte, das Du vorher wegen einer "X ist ist das tollste und der Rest ist doof"-Einstellung links liegen gelassen hast?

Ist das System der wichtigste Faktor, wenn Du Dein Ziel kennst?

Nein, meiner Meinung nach auch dann nicht. An dieser Stelle wird das Thema leider sehr undankbar, gerade für Anfängerinnen und Anfänger. Wer etwas neu anfangen möchte, sucht vielleicht eine definitive Antwort, was er oder sie "am besten" trainieren sollte. Aber ein System/ ein Kampfsport/ eineKampfkunst ist nur ein Name und eine mehr oder weniger lose Sammlung bestimmter Bewegungen, Trainingsformen und so weiter.

Dieses Paket kann besser oder schlechter zu den eigenen Zielen passen. Vermittelt wird ein System jedoch von einem individuellen Trainer. Dessen Qualität ist meiner Meinung nach wesentlich ausschlaggebender als die trainierte Sportart. 

Mal angenommen, ich wäre auf der Suche nach gutem Kampfsporttraining:

In Stadt A gibt es einen Trainer für "realitätsbezogene Selbstverteidigung". Leider kann Derjenige nicht sonderlich gut vermitteln und sein Wissen über Gewalt und Notwehrrecht stammt überwiegend aus Hollywood-Filmen. Außerdem gibt es einen soliden MMA-Coach, der sich nicht um Selbstverteidigung schert, aber ordentliche, fähige Kämpfer produziert.

In Stadt B gibt es einen Box-Coach, der extrem gut boxen kann und meint, dass man "auf der Straße" außer boxen nichts braucht. Daneben gibt es einen Ju-Jutusu-Verein, dessen Trainer als Polizist lange im örtlichen Rotlichtdistrikt gearbeitet hat.

Was macht hier hier "gutes" Training aus? Zu wem gehe ich...

  • ...wenn ich Selbstverteidigung lernen möchte?
  • ...wenn ich bei MMA-Kämpfen antreten möchte?
  • ...wenn ich schon MMA-ler bin, aber boxerisch erhebliche Defizite habe? 
  • ....wenn ich mich nach einem Tag im Büro etwas auspowern möchte?
  • ....wenn ich außerdem in Stadt A wohne und Stadt B für mich zu weit weg ist?

Kommt es hier nur auf die vier Kategorien (realitätsbasierte Selbstverteidigung / MMA / Boxen / Ju-Jutsu) an? Ich glaube nicht.

Im Gegenteil: Wenn ich wirklich eine Trainingsgruppe suchen würde, kämen sogar noch mehr Punkte dazu. Wie ist das soziale Gefüge in der Trainingsgruppe? Verstehe ich mich mit den anderen Gruppenmitgliedern? Passt es menschlich zwischen mir und dem Trainer? Ist die Trainingsintensität für meinen Geschmack vielleicht zu hoch oder zu niedrig? Gerade für ältere Leute oder Menschen mit chronischen Verletzungen könnte das ein entscheidender Punkt werden.

Fazit

Natürlich gibt es große Unterschiede zwischen verschiedenen Kampfsportarten. Und wo es große Unterschiede gibt, machen Vergleiche selbstverständlich Sinn. Dies gilt aber nur, wenn tatsächlich Sachfragen erörtert werden. Viele Vergleiche, die ich irgendwo sehe oder höre, sind jedoch ähnlich zielführend, wie die Diskussion um den "besten" Fußballverein.

Darüber hinaus ist ein "System" immer nur so gut wie der Trainer, der es unterrrichtet. Aus diesem Grund sind die Stärken und Schwächen des Trainers oder der Trainerin im Bezug auf Deine individuellen Ziele viel entscheidender als der Name des konkreten Systems.

Ein Vergleich verschiedener Systeme mit Deinen Zielen hilft dabei, völlig unpassende Richtungen auszuschließen: Wer Schwertkampf lernen möchte, braucht nicht zum MMA zu gehen.

Aber nach einer derartigen ersten Auswahl hilft meiner Meinung nach nichts: Für einen guten Vergleich musst Du die einzelnen Trainingsgruppen besuchen: Wie gut ist der Trainer? Wie sind die Schüler so drauf? Passt es menschlich? Wie läuft das Training eigentlich ab? Wie "hart" oder anstrengend ist es? Ist es für die eigenen Ansprüche zu locker oder wäre die Intensität zum Beispiel aufgrund einer alten Schulterverletzung zu riskant wegen einer hohen Dynamik?

​(Bezogen auf Selbstschutz habe ich an anderer Stelle einiges über die Vor- und die Nachteile von Trainingshärte geschrieben.)

Wie Du siehst, ist das Thema eigentlich viel zu komplex, um pauschale Vergleiche zu treffen. Aus diesem Grund können mir die meisten "X ist besser als Y"- oder "Was ist das beste System für..."-Diskussionen getrost erspart bleiben.

Geht es Dir ähnlich oder hast Du eine ganz andere Meinung? In beiden Fällen kannst Du mir Deine Sicht der Dinge gern in einem Kommentar verraten.

Thomas
Thomas Milbradt
 

Ich bin Thomas Milbradt, der Autor dieser Seite. Mein Ziel ist es, Dir praxistaugliche, detaillierte Informationen rund um persönliche Sicherheit und Selbstverteidigungstraining zur Verfügung zu stellen. Mehr über mich